Mit aufwändigen Crashtests bei der DEKRA in Neumünster beweist MAN, dass der neue eTruck auch extremen Belastungen standhält. Die Botschaft der Entwickler ist klar: Die Elektromobilität im Bereich schwerer Nutzfahrzeuge geht bei der Sicherheit keine Kompromisse ein. Teil 8 unserer Serie über E-Mobilität in der Anwendung und die Zukunft der Logistik.
Die Anspannung auf dem Testgelände der DEKRA in Neumünster ist greifbar. In der Mitte der Anlage steht ein gelber MAN eTruck, verkabelt, mit Markierungen versehen – und bereit für den schwersten Härtetest seines Lebens. Es ist kalt, die Kameras sind ausgerichtet. „Mit jeder Minute, die du näher an dem realen Crash bist, desto kribbeliger wirst du. Der Kopf raucht, und du machst dir so viele Gedanken. Du hast nur diesen einen Versuch“, beschreibt Kai Gemander, Funktionsentwickler Hochvoltsicherheit bei MAN, die Minuten vor dem Aufprall.
Mit jeder Minute, die du näher an dem realen Crash bist, desto kribbeliger wirst du. Der Kopf raucht, und du machst dir so viele Gedanken. Du hast nur diesen einen Versuch. “
Es geht um viel. Ein interdisziplinäres Team aus Elektrotechnikern, Elektronikern, Software-Spezialisten und Maschinenbauern hat jahrelang auf diesen Tag hingearbeitet. Jetzt muss der eTruck beweisen, dass er im Ernstfall Insassen, Unfallbeteiligte und Rettungskräfte schützt.
- New Image
- New Image
- New Image
- New Image
Schutz der Batterie im Fokus
Während bei konventionellen Lkw das Antriebssystem bisher eine eher untergeordnete Rolle bei Crashauslegungen gespielt hat, verlangt die E-Mobilität ein Umdenken. Die massiven Batteriepakete, die unter dem Fahrerhaus, in der Mitte des Rahmens und seitlich am Rahmen positioniert sind, erfordern neue, hochkomplexe Schutzkonzepte. „Bei unserem elektrischen Fahrzeug legen wir sehr großes Augenmerk auf den Schutz der Batterien“, erklärt Dr. Stefan Guserle, Abteilungsleiter Passive Sicherheit/Crash bei MAN.
Um dieses Schutzniveau zu validieren, wird der eTruck gleich zwei Szenarien durchlaufen. Zunächst einen Seitenaufprall, bei dem ein blau-rosafarbener „Impaktor“ direkt auf die Batterie zielt. Spezielle Crash-Schutzstrukturen sollen dabei die enormen Lastenkontrolliert kontrolliert abfangen.
Das zweite Szenario ist noch martialischer: ein Frontalcrash gegen eine 28 Tonnen schwere Barriere. Dieses Setup simuliert das Auffahren auf ein Stau-Ende – eine der typischen Unfallarten auf europäischen Autobahnen. Gesetzlich ist dieser Test gar nicht vorgeschrieben, aber MAN legt sich diese extreme Prüfung selbst auf. Die Philosophie dahinter ist eindeutig: Das Sicherheitsniveau der Elektro-Lkw darf dem bewährter Verbrennerfahrzeuge in nichts nachstehen.
- New Image
- New Image
- New Image
- New Image
- New Image
Abschaltung in Millisekunden
Hinter den Kulissen wird beim eTruck dafür ein intelligentes Sicherheitssystem aktiv, das weit über dicke Stahlbleche hinausgeht. Sobald das Fahrzeug eine schwere Kollision detektiert – durch Kombination verschiedener Sensor- und Kameradaten –, schaltet sich das Hochvoltsystem in Millisekunden ab. Die Leitungen und Hochvoltkomponenten sind dann spannungsfrei, um Insassen und Rettungskräfte nicht zu gefährden.
„Diese Crashtests sind sehr wichtig, weil wir damit zeigen wollen, dass wir eine sichere Technik entwickeln“, betont Kai Gemander. Es gehe darum, Vorurteile abzubauen und das Vertrauen in die Technologie zu stärken.
Praxistest bestanden
Auf dem Testgelände läuft jetzt der Countdown – zuerst für den Seitenaufprall: Der Impaktor startet und rammt den eTruck seitlich genau auf Höhe der Batterie. Die Akkus sind keine Dummys, sondern realitätsnah auf über 80 Prozent geladen, das Hochvolt-Netz steht unter Spannung. Doch spezielle Crash-Schutzstrukturen fangen die massiven Lasten wie berechnet ab, die Batterie bleibt unbeschädigt – Der erste Test ist ein voller Erfolg.
Am nächsten Tag folgt der zweite Crash. Der eTruck prallt mit voller Wucht auf die Barriere. Splitter fliegen, das Fahrerhaus verlagert sich planmäßig nach hinten, um die Energie abzubauen, der Airbag löst aus und fängt den Dummy auf dem Fahrersitz ab. Die Batterie bleibt unbeschädigt, die Systeme schalten die Hochvolttechnik sofort ab. Schnell herrscht Gewissheit: Die wochenlangen Simulationen am Computer haben sich in der Realität bestätigt.
Florian Wilke, Testleiter und Entwicklungsingenieur Crash bei MAN, begutachtet die verformte Front und zieht ein klares Fazit: „Das Ergebnis ist genauso, wie die Berechnungen das zuvor gezeigt haben. Genauso, wie wir es uns erhofft und auch erwartet haben.“ Auch bei Kai Gemander fällt die Anspannung des Tages ab: „Es ist top, einfach ein richtig gutes Gefühl!“ Der eTruck hat den Ernstfall simuliert und souverän bestanden. Damit ist er ein rollender Beweis dafür, dass die elektrifizierte Logistik der Zukunft so sicher ist wie nie zuvor – und bereit, jederzeit auf die Straße zu rollen.
Text: Christian Buck
Fotos: MAN