Der Technologiewechsel im Straßengüterverkehr ist in vollem Gange, wobei die Ladeinfrastruktur als entscheidender Erfolgsfaktor in den Fokus rückt. Mit Partnern wie Milence und E.ON sowie dem digitalen Zugang über „Charge&Go“ baut MAN ein europäisches Ökosystem auf, das den Betrieb von Elektro-Lkw verlässlich und wirtschaftlich macht. Teil 4 unserer Serie zeigt, wie die Infrastruktur-Puzzleteile ineinandergreifen.
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Wer heute als Logistiker in die Elektrifizierung seiner Flotte einsteigt, steht vor einer komplexen Aufgabe: Es geht nicht mehr nur um das Fahrzeug allein, sondern um dessen Zusammenspiel mit Energieversorgung, Zeitmanagement und Reichweite. Das Henne-Ei-Problem der Ladeinfrastruktur – Kommen zuerst die eTrucks oder die Ladesäulen? – wird derzeit durch massive Investitionen und starke Allianzen aufgelöst. Ziel ist eine nahtlose Integration des Ladens in den logistischen Alltag, damit Elektro-Lkw ihre Stärken voll ausspielen können – bei maximaler Uptime und kalkulierbaren Kosten.
Was mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist das Wohl der Fahrerinnen und Fahrer. “
Milence: Qualität ohne Kompromisse
Ein wesentlicher Treiber für das öffentliche Hochleistungsladen ist Milence, ein Gemeinschaftsunternehmen von TRATON GROUP, Daimler Truck und Volvo Group. Das Konsortium hat verstanden, dass das Truck-Laden eine völlig andere Herangehensweise erfordert als die Versorgung von Pkw. Tim Baumeister von Milence betont daher die Notwendigkeit einer spezialisierten Infrastruktur: „Ein Lkw ist kein Pkw, das fängt schon beim Platzbedarf an. Wir bauen darum nicht einfach Ladesäulen – wir bauen Truck Charging Hubs, an denen ein 40-Tonner ohne Abkoppeln des Trailers durchfahren kann. In der Logistik ist Zeit die härteste Währung, deshalb optimieren wir jeden Aspekt des Aufenthalts.“
Milence plant, bis Ende 2026 rund 50 Hubs mit 290 Ladepunkten und bis 2028 knapp 90 Hubs mit über 700 Ladepunkten anbieten zu können. Dabei hat Milence bereits das Megawatt Charging System (MCS) im Blick, das Ladezeiten drastisch verkürzen wird. Zudem soll in Zukunft der Mensch noch stärker in den Mittelpunkt rücken: Während der Truck lädt, sollen die Fahrer ihre gesetzliche Ruhepause in einem Umfeld verbringen, das den Beruf wieder aufwertet. „Was mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist das Wohl der Fahrerinnen und Fahrer“, erklärt Baumeister. „Saubere Sanitäranlagen und Duschen sind bei uns Standard, und teilweise bieten wir schon Lounges mit gutem Kaffee an. Wenn das Laden zur Nebensache wird, weil der Komfort stimmt, haben wir unser Ziel erreicht.“
E.ON: 330 Megawatt-Ladepunkte an 55 Standorten
Ein weiterer zentraler Partner im MAN-Netzwerk ist E.ON. Die Zusammenarbeit umfasst gleich zwei entscheidende Säulen. Zum einen treiben beide Unternehmen den Aufbau eines öffentlichen Ladenetzes voran: An rund 170 MAN-Servicestützpunkten entlang wichtiger Verkehrsrouten entstehen rund 400 öffentliche Ladepunkte. Adela Spulber, im Team Truck Charging bei E.ON Drive Infrastructure, betont die strategische Platzierung: „Unser Ziel ist es, dort präsent zu sein, wo die E-Lkw sind – an den wichtigsten Transportkorridoren und in strategischen Logistikzonen.“ Die Standorte werden mit Schnellladern mit bis zu 400 kW Leistung ausgestattet, womit ein E-Lkw in etwa 45 Minuten Energie für rund 300 Kilometer nachladen kann.
Darüber hinaus treibt E.ON Drive Infrastructure auch den nächsten Technologiesprung voran: Im Rahmen des EU-geförderten Projekts „HDV-E“ baut das Unternehmen gemeinsam mit den Partnern Voltix und GreenWay bis Herbst 2028 rund 330 Megawatt-Ladepunkte an 55 Standorten in neun europäischen Ländern auf. Die EU unterstützt das Vorhaben mit 70,3 Millionen Euro Förderung. Jeder Ladepunkt liefert mindestens ein Megawatt Leistung – genug, um die Ladezeiten schwerer E-Lkw auf die Dauer eines Dieseltankvorgangs zu verringern.
Doch die Reise eines eTrucks beginnt meist im eigenen Depot. Der Logistiker lädt seine E-Fahrzeuge im Idealfall mit eigenem Strom, den er auf seinen Dachflächen produziert. Dafür gibt es am Markt Komplettlösungen, die weit über das Aufstellen einer Wallbox hinausgehen: Von der Photovoltaikanlage über Batteriespeicher bis hin zum intelligenten Lastmanagement.
Am Ende des Tages muss der eTruck gegenüber dem Diesel auch an der Ladesäule gewinnen. “
MAN Charge&Go: der smarte Schlüssel
Damit Fahrer und Disponenten beim öffentlichen Laden nicht in einem Dschungel aus verschiedenen Ladekarten und Apps den Überblick verlieren, hat MAN den Dienst „Charge&Go“ entwickelt. Daniel Asch, der diesen Dienst verantwortet, setzt dabei auf eine klare Qualitätsstrategie. „Es nützt einem Spediteur überhaupt nichts, wenn sein Netzwerk zwar 800.000 Ladepunkte anzeigt, aber 99 Prozent davon für einen 40-Tonner physisch nicht erreichbar sind“, stellt Asch klar. MAN Charge&Go klassifiziert deshalb Standorte nach klaren Kriterien in Kategorien wie „eTruck Ready“ oder „eTruck Limited“, damit der Fahrer und der Disponent schon bei der Planung wissen, ob der Standort problemlos angefahren werden kann oder zum Beispiel abgekoppelt werden muss.
Das Ziel von MAN Charge&Go ist Kostentransparenz und Wirtschaftlichkeit. „Wir verhandeln für unsere Kunden hart mit den Betreibern, um bestmögliche Preise pro Kilowattstunde zu erreichen – und so die Gesamtkosten unter diejenigen eines Diesel-Lkw zu drücken“, erklärt Asch. „Am Ende des Tages muss der eTruck gegenüber dem Diesel auch an der Ladesäule gewinnen.“ Mit nur einer Karte haben MAN-Kunden heute Zugriff auf ein rasant wachsendes Netz an Lkw-tauglichen Stationen in ganz Europa. „Wir bieten Qualität statt Quantität, damit der Betrieb reibungslos läuft“, so Asch.
Die Infrastruktur ist bereit
Die Botschaft der Experten ist eindeutig: Die Ladeinfrastruktur für den Güterverkehr ist keine fernliegende Idee mehr, sondern ein schnell wachsendes, reales Netz. Durch die Kombination aus Depot-Laden über Nacht und einem öffentlichen Ladenetz an den Hauptverkehrsachsen verliert das einstige Reichweiten-Problem seinen Schrecken. Der Umstieg auf eTrucks ist darum heute eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft, unter anderem getrieben durch die deutsche Mautbefreiung bis 2031, CO2-Einsparungen und die Sicherheit eines verlässlichen Ladenetzs.
Die Zahlen zeigen, dass der Umstieg längst im vollen Gang ist: Allein in Deutschland sind bereits rund 109.000 vollelektrische Lkw und Transporter zugelassen, darunter fast 10.000 schwere Lkw und Sattelzugmaschinen über zwölf Tonnen. Die Weichen sind gestellt – die elektrische Zukunft der Logistik hat bereits begonnen.
Text: Christian Buck
Fotos: MAN, Milence, E.ON