Die Mineralölkonzerne von einst wandeln sich zu umfassenden Mobilitätsanbietern – und sie haben die finanzielle Kraft sowie die Infrastruktur, um das Henne-Ei-Problem der E-Mobilität zu lösen.
Mit Megawatt-Charging und intelligenten Depot-Lösungen wollen die Mineralölkonzerne Shell und Aral sich ihren Platz in der Zukunft sichern – und nutzen dabei einen entscheidenden Vorteil. Teil 2 unserer Serie über E-Mobilität in der Anwendung und die Zukunft der Logistik.
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Die Transformation des Mobilitätssektors ist in vollem Gange – von alternativen Antrieben über digitale Lösungen bis hin zu neuen Geschäftsmodellen. “
Shell: Vom Bus-Laden in die Logistik
Andreas Stahl ist ein Mann, der diesen Wandel auch persönlich verkörpert. Er ist Geschäftsführer der SBRS GmbH, einem Unternehmen, das Shell im Jahr 2022 kaufte. Damals, als viele noch über die Machbarkeit von eTrucks stritten, war SBRS bereits ein Pionier im Bereich Ladeinfrastruktur für den öffentlichen Personennahverkehr und den Bussektor. „Wir kommen ursprünglich aus dem Bussektor und elektrifizieren seit zwölf Jahren Busdepots“, erklärt Stahl. Diese Expertise wird für den Lkw-Sektor genutzt. Aktuell ist SBRS in elf europäischen Ländern und mehr als 100 Städten aktiv. Über 80 Betriebshöfe wurden bereits elektrifiziert und mehr als 3.000 DC-Schnellladegeräte speziell für Nutzfahrzeuge installiert.

Der Einstieg in die Ladeinfrastruktur für den Schwerlastverkehr ist für das Unternehmen die logische Weiterentwicklung. „Das Kerngeschäft von Shell liegt in der Energieerzeugung, der Raffinerie und der Distribution. Diese Kompetenz übertragen wir nun auf die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs. Die Logistik-Unternehmen befinden sich mitten in einer Transformation, und wir selbst gehen diesen Weg ebenso entschlossen“, sagt Stahl.
SBRS treibt den Ausbau leistungsfähiger Ladeinfrastruktur voran und ist heute in zahlreichen europäischen Städten aktiv. „Unsere Entscheidung für ein integriertes, ganzheitliches Netzwerk ist bewusst getroffen, denn SBRS verbindet Depot‑Infrastruktur mit energieeffizientem Laden entlang der gesamten Betriebskette“, so Stahl. „Damit schaffen wir die Grundlage für einen stabilen, skalierbaren und zukunftsfähigen E‑Mobilitätsbetrieb.“
Das Konzept „Depot Plus“
Die größte Herausforderung für Spediteure ist oft nicht die Lkw-Flotte, sondern das eigene Depot. Hier bringt Stahl das Konzept „Depot Plus“ ins Spiel. Die Idee: Ein Spediteur nutzt seine Ladeinfrastruktur nachts für die eigene Flotte. Tagsüber aber, wenn die Fahrzeuge auf der Strecke sind, stehen die teuren Ladesäulen oft leer. „Warum diese Infrastruktur nicht Dritten zur Verfügung stellen?“, fragt Stahl. Fremde Lkw könnten dort zwischenladen. Das erhöht die Auslastung und senkt die Kosten für alle Beteiligten.
Auch technisch blickt Stahl nach vorn. Während heute 150 kW bis 400 kW Standard sind, bereitet sich Shell auf das Megawatt-Charging vor. Ein Beispiel für die praktische Umsetzung ist das bundesweite Forschungsprojekt HoLa – Hochleistungsladen im Lkw-Fernverkehr, gefördert vom Bundesministerium für Verkehr und der EU: Entlang der A2 werden fünf Standorte errichtet, an denen jeweils CCS-Ladetechnologie verfügbar ist. Zusätzlich wird an vier dieser Standorte die innovative MCS-Ladetechnologie installiert (Megawatt Charging System). Shell hat sich dem zentralen Konsortium angeschlossen und verantwortet drei dieser Standorte, wobei zwei davon mit der Ladeinfrastruktur von SBRS mit modernster CCS- und MCS-Technologie ausgestattet werden. Ziel: Ein schwerer Elektro-Lkw mit 40 Tonnen kann mit dem Megawatt Charging System innerhalb von 30 Minuten von 20 auf 80 Prozent aufgeladen werden. Mit anderen Worten: Das Fahrzeug kann an einer MCS-Ladesäule in dieser Zeit genug Energie für eine Strecke von 300 bis 400 Kilometern laden. Fahrzeuge, die nachts im Depot stehen, brauchen diese Leistung nicht – hier reicht in der Regel langsames Laden über Nacht –, aber für den schnellen Umschlag am Tag oder an öffentlichen Knotenpunkten ist die Hochleistungstechnik entscheidend.
Aral: Standorte entlang der Magistralen
Während Shell über die Betriebshöfe und die Historie der SBRS kommt, spielt Aral seine traditionelle Stärke aus: ein großes Netz an strategisch günstig gelegenen Standorten. Michael Brell, Senior Sales Manager für die DACH-Region bei bp/Aral, macht deutlich, dass Aral den Hochlauf der Elektromobilität im Schwerlastverkehr als Kernaufgabe versteht: „Die Transformation des Mobilitätssektors ist in vollem Gange – von alternativen Antrieben über digitale Lösungen bis hin zu neuen Geschäftsmodellen“, betont er.
Als Anbieter von Tank- und Ladekarten sowie weiteren Mobilitätslösungen begreift sich Aral Fleet Solutions dabei als Begleiter der Unternehmen. „Aral pulse“ ist die Elektromobilitätsmarke von Aral und hat in Deutschland bereits Fakten geschaffen. Aktuell betreibt Aral 26 Standorte, die exklusiv auf den Schwerlastverkehr zugeschnitten sind. Das bedeutet: breite Durchfahrtsspuren, kein Abkoppeln des Trailers und Ladeleistungen, die den straffen Zeitplänen der Logistik gerecht werden.
„Speziell bei der Elektrifizierung großer Fahrzeugklassen ist eine verlässliche Ladeinfrastruktur eine Grundvoraussetzung, um den Einsatz von E-Fahrzeugen in immer mehr Use-Cases alltagstauglich zu machen“, so Brell. Wer mit einem 40-Tonner eine Ladesäule ansteuert, muss sicher sein, dass Strom fließt.
Der Weg zum Megawatt
Die Strategie von Aral zielt genau auf die Hauptschlagadern der europäischen Logistik. Die Ladepunkte sind entlang wichtiger Routen wie dem Rhein-Alpen-Korridor positioniert. Derzeit laden E-Lkw dort mit bis zu 300 kW. In 45 Minuten – der gesetzlichen Pause des Fahrers – können so mehr als 200 Kilometer Reichweite nachgeladen werden.
Doch dabei bleibt es nicht. Aral plant den Ausbau mit der Megawatt-Ladetechnologie (MCS). In den kommenden Monaten sollen in Deutschland fünf neue Standorte entstehen, die jeweils bis zu sechs Durchfahrts-Ladebuchten bieten. Hier wird kombinierte Technik installiert: MCS mit bis zu 1.000 kW Leistung und klassisches CCS-Laden, die Standorte stehen bereits fest. Es ist der Startschuss für das Laden der nächsten Generation, bei dem die Ladezeit kaum noch länger dauert als ein klassischer Tankvorgang.
Gemeinsam für die Ladeinfrastruktur
Nicht nur die Mineralölkonzerne investieren. Auch die Nutzfahrzeughersteller selbst treiben den Ausbau voran – etwa über Milence, ein Joint Venture von TRATON GROUP, Daimler Truck und Volvo, das öffentliche Hochleistungs-Ladeparks entlang europäischer Transportkorridore errichtet. Die Dynamik ist da, die Richtung stimmt. Damit der Hochlauf aber nicht ins Stocken gerät, muss die Politik ihren Teil beitragen: schnellere Netzanschlüsse, Stromsteuererleichterungen für Spediteure und eine konsequente Ausbauförderung für Ladeinfrastruktur – öffentlich wie privat.
Im dritten Teil unserer Serie spricht Johannes Pallasch, Leiter der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur, darüber, wie der Bund den Ausbau des Ladenetzes für E-Lkw vorantreibt und warum der Wettbewerb an der Ladesäule entscheidend für die Strompreise ist.
Text: Christian Buck
Fotos: MAN, Shell/Stuart Conway, Aral