Erstmals demonstriert MAN Truck & Bus das bidirektionale Laden beim Lkw – unter realen Bedingungen, auf dem Gelände einer Spedition. So wird im Forschungsprojekt SPIRIT-E aus dem MAN eTGX ein aktiver Teil der Energieinfrastruktur. Teil 7 unserer Serie „E-Mobilität in der Anwendung – die Zukunft der Logistik“.
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Bidirektionales Laden verändert die Rolle des Elektro-Lkw. Unsere eTrucks werden zu Powerbanks auf Rädern, die dazu beitragen können, die Energiekosten zu senken und gleichzeitig das Energiesystem zu stärken. “
Regensburg, zur Mittagszeit auf dem Betriebsgelände der Spedition Schmid in Obertraubling: Ein MAN eTGX steht am Ladepunkt – und speist Strom in das Gebäude zurück. Was sich unspektakulär anhört, ist ein echter Meilenstein. Denn MAN hat hier als erster europäischer Nutzfahrzeughersteller das bidirektionale Laden mit einem Lkw öffentlich und unter realen Bedingungen demonstriert. Mit 480 kWh nutzbarer Energie im Batteriespeicher ist dieser eTGX nicht nur ein leistungsstarkes Transportmittel, sondern auch eine rollende Powerbank.
„Bidirektionales Laden verändert die Rolle des Elektro-Lkw. Unsere eTrucks werden zu Powerbanks auf Rädern, die dazu beitragen können, die Energiekosten zu senken und gleichzeitig das Energiesystem zu stärken“, sagt Georg Grüneißl, Leiter Produktstrategie bei MAN Truck & Bus. „SPIRIT‑E hat gezeigt, welches Potenzial in dieser Technologie steckt und wie Elektro-Lkw die Energiewende künftig mitgestalten.“
Drei Anwendungen, ein Ziel: Energie intelligent nutzen
Im Rahmen von SPIRIT-E wurden drei konkrete Einsatzszenarien erprobt, die unterschiedliche Bedürfnisse von Logistikunternehmen und Netzbetreibern adressieren: Vehicle-to-Vehicle (V2V): Ein eTruck lädt einen anderen – ideal dort, wo die Ladeinfrastruktur noch im Aufbau ist oder kurzfristig Energie zwischen Fahrzeugen ausgetauscht werden muss. Vehicle-to-Site (V2S): Der gespeicherte Strom aus der Lkw-Batterie fließt direkt in die eigene Betriebsinfrastruktur – für das Gebäude, die Ladeinfrastruktur anderer Fahrzeuge oder zur Erhöhung des Eigenverbrauchs von Photovoltaikstrom Vehicle-to-Grid (V2G): Der eTruck speist Energie in das öffentliche Netz zurück – etwa wenn Strom besonders gefragt ist oder zur Unterstützung der Netzstabilität. Betreiber könnten so zusätzliche Erlöse generieren. Ab Ende dieses Jahrzehnts dürfte V2G ein zunehmend attraktives Geschäftsmodell werden. In der Praxis können Unternehmen ihren Strompreis so rund zehn bis 20 Prozent senken.
Wichtig dabei: Bidirektionales Laden ist kein Allheilmittel für jede Anwendung. Wer mit seinen Fahrzeugen selten oder gar nicht im Depot lädt – etwa im Fernverkehr – profitiert weniger. Besonders sinnvoll ist die Technologie für eTrucks im Nah- und Regionalverkehr mit jährlichen Fahrleistungen unter 100.000 Kilometern und genügend Standzeit am Depot.
Vom Reallabor in die Praxis: das SPIRIT‑E-Konsortium
Hinter SPIRIT‑E steht ein breites Konsortium, das die gesamte Wertschöpfungskette abbildet – von der Fahrzeugtechnik bis zur Netzintegration. Unter der Konsortialführung der Technischen Universität München (TUM) arbeiten das Fraunhofer IEE, die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE), SBRS (Shell), TenneT, Hubject, Consolinno Energy und MAN Truck & Bus zusammen.
In einem echten Logistikumfeld wurden bereits reale Energieflüsse umgesetzt: eTrucks versorgten über Nacht Gebäude mit Strom, Elektroautos wurden aus dem Lkw-Speicher nachgeladen. Was vor wenigen Jahren noch Vision war, ist heute demonstrierbare Realität.
Der Elektro-Lkw als Teil der Energiewende
Das Forschungsprojekt SPIRIT-E zeigt: Die Elektrifizierung des Güterverkehrs ist mehr als ein Antriebswechsel. Sie ist der Einstieg in ein neues, sektorübergreifendes Energiesystem – und der MAN eTGX ist mittendrin. Wenn Energiemärkte, Netzdienste und Logistikprozesse in den kommenden Jahren weiter zusammenwachsen, werden bidirektionale eTrucks darin eine neue Rolle spielen.
Text: Christian Buck
Fotos: MAN