Garagengold
Ein restaurierter MAN-Haubenkipper des Typ 735 L1 K stünde mitten in Frankfurt, würde den Umbau eines Wohnhauses behindern und solle deshalb verkauft werden, so die Anruferin. Nach der Bitte um aussagekräftiges Bildmaterial verbrachten Veteranenhalle-Inhaber Timo Pistorius und ich die Wartezeit bis zum Eintreffen der erhellenden e-Mail mit Mutmaßungen: Was genau bot man uns da an? War es wirklich ein seltener MAN-Eckhauber der 1950er Jahre, oder hatte sich die Verkäuferin mit der Typenbezeichnung vertan und sprach ‚nur‘ von einer deutlich jüngeren Pausbacke? Zum Glück ließ die Nachricht nicht allzu lange auf sich warten – und versetzte Timo und mich in helle Aufregung: Auf den Bildern war ganz klar ein restaurierter MAN der älteren Bauart zu erkennen, der offenbar seit vielen Jahren in einer engen Garage seinem weiteren Schicksal entgegen dämmerte! Dieses Auto war uns völlig unbekannt, obwohl wir beide schon seit Jahren in der Alt-Lkw-Szene unterwegs sind und mir eine besonders hohe Affinität zur Marke nachgesagt wird! Noch am selben Tag machten wir einen Termin mit der Verkäuferin aus und uns auf nach Frankfurt.
An der angegebenen Adresse vermutete man vieles, nur keinen Lkw-Oldtimer! Zentral in Frankfurts Altstadt gelegen, stießen wir dort auf ein altes Backsteingebäude, dessen Fassade noch mit Leuchtreklame und einer großen analogen Uhr an die Brennstoffhandlung ‚Kohlen-Meuer‘ erinnerte. Ein Tor oder eine große Hofeinfahrt, hinter der man einen Lkw größeren Ausmaßes hätte vermuten können, fehlte allerdings komplett. Kurz darauf trat die Verkäuferin auf den Plan, die sich uns als Mitarbeiterin der Hausverwaltung des betreffenden Gebäudes vorstellte. Sie erzählte uns, dass die Brennstoffhandlung über lange Jahre ihren Hauptsitz in diesem Haus gehabt habe. Das Unternehmen war zu Beginn des letzten Jahrhunderts gegründet worden und hatte sich im Rhein/Main-Gebiet zu respektabler Größe entwickelt. Auf Bildern aus den 1970er Jahren konnte man bis zu sieben Tanklastzüge mit Meuer-Logo erkennen.
Ja – und mitten zwischen Werkbank, Rasenmäher und Laubsauger stand er dann tatsächlich vor uns: Der MAN 735 L1 K mit dem wunderschönen Kohlenkippaufbau von Meiller, der 1957 neu zur Firma Meuer gekommen war und der seinen Abstellplatz seit der Restaurierung vor fast 30 Jahren kaum noch verlassen hat. Rasch konnten wir uns mit der Verkäuferin darüber verständigen, dass dieser MAN seine neue Heimat künftig im Westerwald haben würde – die Bergung konnte geplant werden.
Schon wenige Tage später starteten wir mit Tieflader und Werkstattwagen in Richtung Frankfurt. Die Anwohner waren von der Hausverwaltung bereits im Vorfeld darum gebeten worden, an diesem Tag nicht im Innenhof zu parken.
Nach einem Satz frischer Batterien, einem Filtercheck und einem Blick in die Einspritzpumpe ging der Daumen nach oben. Dank des guten alten Dieselkraftstoffs im Tank des Kippers, der weder mit Biodiesel noch mit Wasser gepanscht war, präsentierte sich das Pumpeninnere gängig wie im Neuzustand! Also los: Startknopf drücken und wrrruuum! Als wäre er erst drei Tage zuvor abgestellt worden, lief der Reihen- Sechszylinder mit der Bezeichnung D 1246 M3 schon nach kurzer Zeit rund und weich. Dass er dabei den Innenhof nach Kräften vollqualmte, ist dem Verbrennungsablauf der M-Motoren geschuldet. Drum merke: Wer deren weichen Motorlauf liebt, darf sich über Rauchgas-Wölkchen nicht aufregen… .